Gefangen wie ein Schiff im Packeis

Hannover 96 steckt im Mittelmaß fest und ahnt, wie schwer es wird, daran in Zukunft etwas zu ändern



Von Heiko Rehberg
Hannover. Mittelmaß. Das Wort sollte bei Hannover 96 in dieser Saison eigentlich zum Tabuwort werden, gestrichen aus dem Wortschatz der Spieler und Verantwortlichen, verbannt aus den Berichten in der Zeitung. Doch Anfang April, auf der Schlussgeraden der Fußball-Bundesligasaison, ist das Wort zu einer aktuellen Zustandsbeschreibung geworden: 10. Platz, neun Siege, acht Unentschieden, zehn Niederlagen. So beschreibt man Mittelmaß.
Die „Roten“ stecken nach 27 Spieltagen in der Mitte der Tabelle fest wie ein Schiff im Packeis, das sich erst wieder befreien kann, wenn es wärmer wird. Auf den Fußball übertragen heißt das: in der neuen Saison.

Sieben Runden vor dem Ende der laufenden Spielzeit hat sich Hannover 96 so positioniert, dass es nicht richtig vor- und zum Glück nicht mehr dramatisch zurückgehen kann. Neun Punkte ist der 6. Platz entfernt, über den es in den UI-Cup-Wettbewerb ginge. Dass 96 das noch schafft, glauben nicht einmal die verwegensten Optimisten. Elf Punkte liegen als Puffer zu einem Abstiegsplatz – selbst wenn die Mannschaft nur noch zwei oder drei Punkte machen würde, käme sie angesichts der schwachen Konkurrenz vermutlich nicht mehr in Schwierigkeiten. Jenseits von Gut und Böse nennt man so eine Situation. Das Problem daran ist: Wie will man die Menschen in der Region motivieren, auch die verbleibenden Spiele ins Stadion zu gehen, das nächste Mal am kommenden Sonnabend gegen Eintracht Frankfurt? Was lässt sich als sinnvolles Ziel ausgeben, wie lässt sich die Spannung halbwegs halten bis zum Saisonschluss am 17. Mai? Ein einstelliger Tabellenplatz? Möglichst schönen Fußball spielen? „Diese Saison können wir …“, sagt Klubchef Martin Kind, bringt den Satz aber nicht mit dem naheliegenden Wörtchen zu Ende, sondern meint: „Sie ist so wie sie ist.“ Man wolle und müsse noch ein „paar attraktive Spiele zeigen, damit ein positiver Gesamteindruck entsteht“.

Die Lage im Niemandsland wäre kein großes Thema, wenn die Mannschaft nicht andere Erwartungen geweckt hätte in der Hinrunde. Es ist ja nicht so, dass nur die Zeitungsreporter oder einige Fans von „Europa und den internationalen Plätzen“ geträumt haben. Die Mannschaft hatte es sich mit ihren Leistungen verdient, dass ihr der Sprung nach Europa zugetraut wurde. In der Hinrunde hat sie mehrere Male taktisch diszipliniert wie ein UEFA-Cup-Anwärter gespielt, und einmal, ja einmal da war sie sogar Champions-League-reif, als im Dezember 2007 Werder Bremen im besten Spiel der vergangenen Jahre mit 4:3 bezwungen wurde. Und dann das: Ein Sieg aus den vergangenen elf Spielen. Mindestens eine Ergebniskrise. Die „Bild“-Zeitung setzte Trainer Dieter Hecking vor dem Spiel in Wolfsburg in einer Fotomontage auf einen Rasenmäher und nannte ihn „Tucker-Dieter“, weil 96 derzeit nur im Schneckentempo vorankommt. Am Tag nach dem 2:3 in Wolfsburg schrieb ein Fan auf der Homepage des Vereins im Internet: „31. 7. 2007: 3:0 gegen Real – um mal wieder an gute Zeiten zu erinnern.“

Schlechte Zeiten also. Das ist die Wahrnehmung der Fans, doch sie deckt sich nicht mit der Sichtweise der Profis, die sich „auf dem richtigen Weg wähnen“. Das ist momentan der Standardsatz, den fast alle im Repertoire haben. Wo aber führt dieser Weg hin? Wie schafft es 96, Lust und Laune auf die neue Saison zu machen, wenn sich bei vielen Fans der Eindruck verfestigt, dass für die „Roten“ ein Platz zwischen 8 und 12 im Grunde festgeschrieben ist, egal was man anstellt?

„Letztendlich stehen wir da, wo wir hingehören“, sagt Klubchef Kind und spricht von einer „Phase der Stagnation, trotz der zwölf Millionen Euro, die wir investiert haben“. Kind hat sich die Tabelle angeschaut und festgestellt, dass „immer die gleichen Vereine oben stehen“. Klubs mit mehr Geld, mit größerem Haushalt. „Wir müssen sehr viel tun, um voranzukommen: Das macht mich schon ein wenig unruhig“, sagt Kind. Es ist eine Unruhe, die dazu führt, dass Kind Fragen stellt – aber nicht alles in Frage. Der Klubchef lässt sich keine Trainer-Diskussion aufschwatzen, weil er weiß, dass es an Heckings Arbeit nicht viel auszusetzen gibt und der Coach seine eigene und die Entwicklung des Teams kritisch überprüft.

Für die Situation, die Kind ein „Dilemma“ nennt, können ohnehin weder Hecking noch Sportdirektor Christian Hochstätter. Dieses Dilemma sieht so aus: Um einen Europapokalwettbewerb erreichen zu können, braucht 96 Spieler, die diese internationale Klasse besitzen. Diese aber bekommt ein Klub in der Regel nur, wenn er in Europa präsent ist. Ein Teufelskreis, der sich nur durchbrechen lässt mit Glücksgriffen bei Transfers oder einer Elf, die fehlende individuelle Klasse dauerhaft ausgleichen kann; 96 schafft das nach wie vor nur für einen überschaubaren Zeitraum.

Es spricht für Kind, dass er von seinen ehrgeizigen Plänen nicht ablässt. „Immer Platz 8 bis 12 – das ist nicht mein Ding und würde mich auf Dauer verrückt machen.“