Interview mit Fußball-Fan-Forscher

„Die Stuttgarter Polizei soll den Ball schön flach halten“

Vor dem Bundesliga-Start an diesem Freitag findet Fan-Forscher Gunter A. Pilz deutliche Worte: Der Soziologe aus Hannover warnt im Interview vor hemmungsloser Kommerzialisierung und kritisiert die nervigen Ultras: „Die feiern mehr sich selbst als die Spieler.“


VfB Stuttgart, Cannstatter Kurve: Lösgelöst von dem, was auf dem Rasen passiert

Herr Pilz, der VfB Stuttgart ist abgestiegen. Zum ersten Spiel in der zweiten Liga gegen St. Pauli war das Stadion ausverkauft. Können Fans so schnell vergessen?
Das war in erster Linie ein Ausdruck des Willens, schnell wieder aufzusteigen. Da wollen die Fans ihrem Verein den Rücken stärken. Außerdem hat St. Pauli Kultstatus. Das weckt Interesse. Aber niemand sollte davon ausgehen, dass es so weitergeht.

Die Fans, besonders die Ultras, bevorzugen den Fußball pur, wie passt das zusammen mit der rasanten Kommerzialisierung?
Der Fußball ist am Scheideweg. Er muss die Balance hinkriegen zwischen denen, die seine soziale und kulturelle Verwurzelung bewahren wollen, und denen, die den Fußball mehr und mehr als Event verstehen.

Die Zweiklassengesellschaft in den Stadien ist doch längst schon Realität.
Es gibt sicher das Publikum in den VIP-Logen, das sich bei Small Talk, Häppchen und Sekt durch 90 Minuten Fußball eigentlich nur gestört fühlt. Es ist eine große Herausforderung, diese Gratwanderung zu bestehen. Die Liga weiß sehr genau, dass sie die Schraube nicht überdrehen darf . . .

. . . wie in England?
Dort bekommen sie für das Geld der teuersten Sitzplatzkarte in der Bundesliga gerade noch einen Stehplatz. Die legendäre Stimmung, die englische Stadien einst prägte, ist tot. Die haben fast nur noch dieses Krabbenbrötchenpublikum, das zum Fußball geht, nur um gesehen zu werden.

Die Transfersummen sind irrwitzig, die Kapitalisierung der Vereine ist unaufhaltsam.
Ich bin trotzdem optimistisch, dass die Vereine in Deutschlands klug genug sind, das Gleichgewicht zwischen Kommerz und Tradition einigermaßen zu bewahren. Fußball ist der Geruch des Rasens, der Schweiß der Spieler, die Stimmung und die Gemeinsamkeit aller sozialen Schichten, gerade auf den Stehplätzen. Das sind andere Bindungen zum Verein wie die der Oberschichten, die sich gern auch mal abwenden, wenn es nicht mehr so gut läuft.

Nur noch die Ultras pflegen den Kult?
Dazu habe ich ein ziemlich ambivalentes Verhältnis. Man sagt ja immer, das Publikum ist der zwölfte Mann, aber wenn Sie sich das Verhalten der Ultras einmal genau anschauen, sehen Sie, dass sie 90 Minuten lang grölen und hüpfen – völlig losgelöst von dem, was unten auf dem Rasen passiert.

Besser diese Stimmung als gar keine.
Ja, schon. Aber man ertappt sich beim Gedanken: Meine Güte, hört doch mal mit den albernen Gesängen auf, und feuert lieber die Mannschaft an. Die feiern mehr sich selbst als die Spieler. Mich nervt es, wenn es zum völlig unpassenden Zeitpunkt heißt: Steht auf, wenn ihr Schwaben seid oder Ähnliches. Das lenkt mich ab von dem, was auf dem Rasen passiert.

Die Ultras genießen allerlei Privilegien.
Dagegen werden sie sich wehren, weil es für sie eine Selbstverständlichkeit ist, dass sie der Verein unterstützt. Es ist ja in den Stadien auch alles klar geregelt, was erlaubt ist und was nicht.

Pyros sind verboten.
Deshalb ärgert es mich auch, dass sie immer wieder gezündet werden. Es gab ja nun schon Fälle, bei denen Menschen zu Schaden kamen. Die Ultras denken, dass sie mit dem Kauf der Eintrittskarte das Recht erwerben, alles zu tun, was ihnen gefällt. Sie sollten ihre Kreativität lieber darauf verwenden, ähnliche Effekte wie mit den Pyros über legale Mittel zu erreichen.

Haben die Vereine Angst vor dem wachsenden Einfluss der Ultras?
Das Verlangen nach mehr Mitbestimmung halte ich für eine völlig normale Entwicklung. Wenn man merkt, dass der Fußball seine Seele verliert, kann man auf den Club am ehesten einwirken, indem man Mitglied wird und dann über die Gremien auch mitbestimmen kann. Das ist gute demokratische Kultur.

Wo gibt es Grenzen?
Dort, wo sie ihre Interessen mit Drohungen durchsetzen oder in professionelle Entscheidungen mit eingreifen wollen. Beim Hamburger SV gab es mal solche Tendenzen.

Beim VfB erlaubt die Satzung dem Aufsichtsrat, bis zu zwei Kandidaten zur Präsidentenwahl vorzuschlagen. Tatsächlich benannte er nur einen . . .
. . . dann wird es wohl keinen anderen akzeptablen Kandidaten mehr geben. Prinzipiell ist es aber im Sport oft so, dass man vor wichtigen Wahlen die große Gemeinsamkeit demonstrieren will und schon deshalb keine Gegenkandidaten geduldet werden. Ich wünsche mir mehr demokratische Kultur. Man muss auch andere Meinungen akzeptieren und sich mit ihnen auseinandersetzen. Wenn es zwei, drei Kandidaten gibt, sollen die Vereine eben sagen: Meine Güte, dann lasst sie eben wählen. Wir leben doch nicht in einer Diktatur.

In Stuttgart gibt es künftig ein Fanprojekt. Die Polizei sieht es mit gemischten Gefühlen.
Die Stuttgarter Polizei soll den Ball mal schön flach halten. Stuttgart ist die letzte Bundesligastadt, die das einrichtet. Dort gab es Mitte der 80er Jahre mal ein Fanprojekt, das nach zwei Jahren mit der Argumentation eingestellt wurde, die Sozialarbeiter würden mit Hooligans reden. Fanprojekte sind aber dazu da, genau mit diesen Menschen zu reden, damit sie etwas weniger fasziniert von gewaltbereiten Szenen sind und nicht so schnell dorthin abdriften. Fanprojekte verstärken überdies positive Tendenzen. Zum Beispiel gehen sie vielerorts mit den Ultras massiv gegen rechtsextreme Tendenzen vor.

Müssen wir in der kommenden Bundesliga-Saison wieder Gewaltexzesse fürchten?
Ich glaube, wir können da relativ entspannt sein. Der DFB ist mit seinem Sicherheitskonzept sehr gut aufgestellt. Das Problem haben wir ja weniger in den Stadien als in den Zügen und Bahnhöfen, wo die Bundespolizei im Vergleich zur Landespolizei viel zu autoritär und repressiv agiert. Da muss nachgebessert werden. Aber natürlich wird es immer mal wieder Vorfälle geben.

Wer steigt in der zweiten Liga auf?
Hannover 96.

Und der VfB?
(Lacht) Ja, der auch.

Quelle: Stuttgarter Nachrichten


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