2. Liga

Der VfB und das Möhrchen-Prinzip

Nach dem Derbysieg in Karlsruhe ist vor der Begegnung mit Bielefeld: Wie der VfB Stuttgart vor dem Heimspiel am Sonntag versucht, in der zweiten Fußballliga vorwärts zu kommen.


Teamgeist und Teamwork führen die VfB-Spieler um Takuma Asano (links) zu Toren.

Es gibt ja dieses vielsagende Bild vom Esel und der Möhre. Es zeigt, wie dem grauen Arbeitstier das süße Stückchen an einem Stock vor die Nase gehalten wird, um es anzutreiben. Um es mit der ewigen Aussicht auf eine Belohnung dazu zu bringen, eine noch größere Last auf sich zu nehmen. Das ist ein schönes und bekanntes Gleichnis über Fremdmotivation – und lässt sich sogar auf den VfB Stuttgart übertragen. Denn zugespitzt formuliert, braucht der Fußball-Zweitligist ebenfalls sein Möhrchen, um weiterzukommen.

Das ist zumindest der Eindruck, der sich zum einen durch den bisherigen Saisonverlauf aufdrängt und zum anderen durch die Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit: Die Stuttgarter neigen zur Genügsamkeit – manche nennen es sogar Selbstzufriedenheit –, wenn sie glauben, etwas erreicht zu haben. Das ist nach dem 3:1 beim Karlsruher SC vermeintlich der Fall: Derbysieger und Tabellenzweiter. Balsam für die schwäbische Fanseele – und für viele im Verein könnte jetzt schon Schluss sein mit dieser Runde, da am Ende nicht mehr herausspringen kann als ein direkter Aufstiegsplatz.

Doch der Weg zurück in die Bundesliga ist noch weit. Christian Gentner weiß das, da der Mittelfeldspieler dieses Phänomen nur zu gut kennt, dass die Stuttgarter schnell ein paar Prozent nachlassen, wenn sie sich ganz obenauf wähnen. Emotional oder sportlich. Und das KSC-Spiel ist ein Höhenpunkt-Spiel gewesen – emotional wie sportlich. „Das Derby war von unserer Herangehensweise sicher gut“, sagt Kapitän Gentner, „aber das viel wichtigere Spiel kommt jetzt gegen Bielefeld.“

Dresden ist noch nicht lange her

Nach dem Derby ist also vor der Arminia, und die Bedeutung der Begegnung am Sonntag leitet sich für den VfB natürlich aus dem eigenen Anspruch ab, oben bleiben zu wollen. Zumal eine Länderspielpause folgt – und in diese verabschiedet man sich gerne mit einem Erfolgserlebnis. Gleichzeitig geht es jedoch darum, im sicheren Gefühl des Aufwärtstrends nicht sofort wieder abzustürzen. Wie nach dem 4:0-Erfolg über die SpVgg Greuther Fürth. Ein 0:5-Debakel bei Dynamo Dresden schloss sich an. „Das ist gerade mal zwei Spieltage her“, sagt der Trainer Hannes Wolf.

Diese schwäbische Schwankungsbreite wurde dem neuen Chefcoach in Sachsen erstmals schmerzhaft vor Augen geführt. Doch den VfB hat man in den vergangenen Jahren schon häufig zwischen den Extremen taumeln sehen. Und nach dem Abstieg hat er sich eines bewahrt: Er kann noch immer begeistern, er kann auch noch immer die Fans und Verantwortlichen verzweifeln lassen. Nur eines kann er noch immer nicht: konstant auf hohem Niveau spielen.

Das ist die Herausforderung, die sich den Stuttgartern stellt – und die Jan Schindelmeiser den Blick auf den Moment, aber ebenfalls weit nach vorne richten lässt. Um nicht nur den nächsten Hügel zu sehen, sondern schon den Berg dahinter. Schließlich wollen alle großen und kleinen Gipfel erklommen werden. „Ich sehe noch 50 Punkte, die sich verbessern lassen“, sagt der Manager. Er verlangt vor allem mehr Dominanz und weniger Anfälligkeit.

Gegen den KSC mischten sich aber schon einmal Tempo, Taktik und Teamwork zu einem Fundament, das angereichert mit Kampf und Konzentration den VfB über das Duell mit dem Erzrivalen ­hinaus dahin führen kann, wohin er will. Zu Toren wie zuletzt durch Takuma Asano, ­Simon Terodde und Alexandru Maxim. Zu verdienten Siegen wie im Wildparkstadion. Aber auch zu dem Selbstverständnis, dass die Stuttgarter mehr individuelle Klasse einbringen können als die Konkurrenz, wenn sie zuvor die Grundtugenden des ­modernen Fußballs nicht vermissen lassen.

Bielefeld kann kommen

„Es ist schon ein Riesenunterschied, wen der VfB noch von der Bank bringen kann“, sagt der KSC-Trainer Tomas Oral. Die Torschützen Terodde und Maxim waren das gegen seine Elf. „Wir ­sollten uns grundsätzlich aber nicht über die Qualität einzelner Spieler definieren, sondern über unsere gemeinsame Arbeit und Einsatzbereitschaft auf dem Platz“, sagt Wolf.

Deshalb versuchen Trainer und Manager eine neue Variabilität zu fördern und eine neue Mentalität zu fordern. „Ich muss auch mal etwas verändern und kann nicht immer nur dieselben Spieler aufbieten“, sagt Wolf, dessen Plan mit dem erstmals aufgebotenen Marcin Kaminski in Karlsruhe aufging. So dient der lange verschmähte Pole nun als Beispiel dafür, dass sich Trainingsfleiß lohnt. „Aber jetzt müssen alle dranbleiben, und die zweite Reihe muss weiter Druck ausüben“, sagt Schindelmeiser vor dem Bielefeld-Spiel – und wedelt symbolisch mit dem Möhrchen.

Quelle: Stuttgarter Zeitung


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